2016-09-01 Selfi on mirror - Foto © Carlo Wanka

FOTOART by Carlo Wanka

My Way To Klick ...

… Fotografie ist heute nichts Besonderes. Jeder, der ein einigermaßen ordentliches Smartphone besitzt, kann Bilder schießen. Das tue ich auch. Es hat vielleicht keine Wichtigkeit, jeden Quatsch zu fotografieren – aber, wenn es halt Spaß macht. Klick.

Als Junge hatte ich noch die Gelegenheit, bei meinem Großvater zu lernen, wie man Aufnahmen - in Schwarzweiß - in seinem kleinen Fotolabor selbst entwickelt. Das beeindruckte mich. Für ihn war es ein Hobby, und es boten sich ihm viele Gelegenheiten, damit Eindruck zu schinden. Wir sprechen von der Zeit Ende der 1960er, Anfang der 70er. Nicht jeder konnte und wollte sich eine Agfa Silette oder später die Optima leisten. Sein Lieblingsapparat aber war die Voigtländer Ultron. Ihr Lederschutz war schon ordentlich ramponiert, doch die Kamera wirkte wie neu. Nie werde ich den großartigen Moment vergessen, als ich nach stundenlanger, ordentlicher Unterweisung zum ersten Mal auf den Auslöser dieses Geräts drücken durfte. Ich war müde, mir schwirrte der Kopf und vor allem hatte ich Angst etwas kaputt zu machen. Kurzum, die Lust am Fotografieren war erloschen.

Von einer seiner Reisen brachte er dann eine Zeiss Ikon Contaflex mit, eine hauptamtliche Spiegelreflexkamera. Seine Freude an dieser Errungenschaft war so groß, dass jetzt nicht nur bei festlichen Anlässen geknipst wurde, sondern sogar extra Situationen gestellt wurden, damit sie festgehalten werden konnten. Die Familie im Sonntagsanzug, Essen bei der Tante, Fahrt zur Burg Eltz etc. - es wurden viele Fotos und verdammt viele Dia-Abende. Zu Weihnachten bekam ich die heilige Voigtländer geschenkt, die ich nach den Festivitäten in einer meiner Schubladen versenkte.

Mein Stiefvater überraschte uns bei einem sommerlichen Treffen mit einer echten Innovation:
Die Polaroid-Sofortbildkamera. Es war faszinierend, zuzusehen, wie sich diese Bilder aus dem Nichts entwickelten. Es war ebenso spannend, wie seiner Zeit in Opas Labor, nur halt jetzt in Farbe ohne Chemikalien und Dunkelkammer – einfach so, in der Hand. Jeder durfte mal knipsen und das ohne Anleitung. Er hatte sich diese Kamera zugelegt, um seine erlegte Jagdbeute frisch am Tatort abzulichten und dann beim Jägerstammtisch damit aufzutrumpfen. Okay, er formulierte es etwas anders und zeigte uns dann die Bilder von zig erschossenen Rehböcken, Hirschen, Füchsen, Hasen und Fasanen. Interessant und grausig zugleich. Vor allem die Trophäenträger hatte er so fotografiert, dass man zwar gut ihre Geweihe sehen konnte, man ihnen aber zugleich in ihre schönen Augen sehen musste. Diese Augen hatten nichts von einem toten letzten Blick, nein sie spiegelten noch die Lebensfreude, aus der sie gerissen wurden.

Ritsch-Ratsch-Klick, also die Agfamatic Pocket 4000, war revolutionär. Man steckte ein knochenähnliches Plastik rein, in dem der Film lag und drückte. Fertig. Meine Oma hatte eine solche von ihrem Mann geschenkt bekommen, dem Herrn Realschuldirektor, – wobei: Es war die etwas günstigere Kodak pocket instamatic 100. „So, Helen, jetzt kannst du, wenn du bei den Töchtern bist, deine eigenen Bilder machen.“ Das tat sie anfangs auch. Als sie jedoch nach dem dritten Film zur Rede gestellt wurde, was sie da denn abgelichtet habe, und dass man doch nicht gegen die Sonne schießt und überhaupt, wer sind die fremden Leute da?, da hast du aber gewackelt wie ein Ochsenschwanz etc. war das Thema für sie durch und ich Besitzer eines zweiten Apparats. Doch ich machte nicht Omas Fehler und gab Opa die Filme zum Entwickeln. Ich fotografierte heimlich und ging auch nicht zu Foto Porst sondern zur Konkurrenz, um sicher zu sein, dass die Bilder nicht in falsche Hände gerieten. Ich wusste nur zu gut, wer wen in diesem Kleinstadtidyll kannte. Mit meinen spärlichen Ersparnissen aus der Weinlese finanzierte ich die Bildermacherei. Es war klar, dass diese Bilder nur im Freundeskreis anzusehen waren und niemals in die Finger von Erwachsenen kommen dürften. Die ersten Küsse, die ersten Ausschweifungen beim Weinfest oder gar Freunde beim Frisieren ihrer Mopeds. Geheime Dokumente, die an einem geheimen Ort in unserem ebenso geheimen Jugendtreff 'Pandoras Bar' unter Verschluss gehalten wurden. In Pandoras Bar kamen vor allem die witzigen Blitzwürfel zum Einsatz. Die Dinger hatten vier Blitzlampen und nach jedem Auslösen brannten die regelrecht ab, und der Plastikmantel schmolz zum braunen Etwas.

Mit sechzehn zog ich aus, in die weite Welt und kehrte der Mosel den Rücken. Mit im Gepäck beide Kameras. Gut, jetzt war die Stadt in der Pfalz nur 180 Kilometer von Zell entfernt, aber doch war alles neu und unkontrolliert.
Während meines Aufenthalts am Naturwissenschaftlichen Technikum lernte ich neue Leute kennen, auch welche, die sich neben der Chemie für die Fotografie interessierten. Das war die Wiedergeburt der Voigtländer. Verhalten machte ich experimentelle Aufnahmen, schließlich notierte ich zu jedem Bild, welche verwegene Einstellung an den kleinen Rädchen bei welcher Situation ich gewählt hatte. So war es mir möglich, nachdem der Film entwickelt war, genau zu analysieren, was gut und was überhaupt nicht funktionierte. Im Freundeskreis tauschten wir unsere Erfahrungen aus, und bald unternahmen wir gemeinsame Exkursionen zu Burgen im Morgengrauen oder Federweißen-Festen am Abend, um zusammen mit unterschiedlichem Filmmaterial und verschiedenen Kameratypen die immer selbe Aktion zu belichten. Erstaunlich war, wie gut die Ergebnisse der Ritsch-Ratsch-Klick Geräte mithalten konnten. Einer der Kommilitonen besaß mehrere Objektive zu seiner Leica, er war der King und Wortführer. Er war bestimmt alles andere als ein Frauenschwarm, aber er hatte richtig Ahnung und war auch frech genug, die attraktivsten Studentinnen vor die Linse zu bekommen. Von manchen nahm er auch Nacktbilder – Entschuldigung „Aktphotographien“ – auf. Wir betrachteten die Ergebnisse gerne und äußerten uns eifrig. Aber wir sagten nicht: „Schau dir dieses Luder an, die zeigt sogar ihre Muschi.“ Nein, wir sagten: „Ist ja unglaublich, wie toll das Licht sich auf der Haut so zart über der Scham bricht.“ Dann gafften wir voller Anstand und schwiegen.

Auch Landau war nur eine Episode und mich verschlug es ins Allgäu. In Isny setzte ich das Studium der Chemie und die Fotografie fort. Ein Märchenland mit seinen weichen Voralpenhügeln, und alle Farben wirkten kräftiger. Während meiner Semesterferien arbeitete ich in der Schweiz. Mitten in den ausgewachsenen Bergen und an den klaren Seen bei Interlaken. Ich hatte mir zuvor die Agfamatic Pocket 4000 gekauft, da erstens klein und unkompliziert, und zweitens hatte die Kodak ihren Ritsch-Ratsch-Geist aufgegeben. Ein Kollege zeigte mir seine Fotoausrüstung. In einer großen orangen weichen Fototasche steckte eine Minolta 9000 und drei Objektive. So ein Gerät mit Autofokus, Bajonettverschluss, Belichtungsautomatik, Fernauslöser, Teleobjektiv, Polfilter, Motorwinde und und und hatte ich bis dahin noch nie in der Hand gehalten. Ein absolutes Profiteil.   

Da er wegen eines Joints mit der Schweizer Obrigkeit in einen blöden Clinch geraten war, wollte er sie dringend verkaufen. Für einen spektakulär kleinen Preis erwarb ich die komplette Ausrüstung. Zurück im Allgäu zeigte ich stolz meine Errungenschaft und erzählte, wie günstig ich sie bekommen hatte, da meinte einer meiner Freunde: „Vielleicht ist die Ausrüstung von einem japanischen Touristen, und der Typ hat sie nur geklaut.“ Mist, dachte ich, sollte es wirklich so sein? Wir untersuchten das ganze Material genau. Es gab keine Gravur, keinen noch so kleinen Aufkleber oder sonstigen Hinweis, welcher Spuren eines Vorbesitzers hätte verraten können. Dann zeigte ich die Fotos, die ich auf der Jungfrau, im Lift, bei den Abfahrten und am Brienzersee geschossen hatte. Sie beeindruckten und das leidige Thema der Herkunft wurde verdrängt. Das Allgäu war eine echte Filmkulisse, egal ob bei Auftritten befreundeter Rockbands oder in der Natur. Es verging fast keine Woche, in der ich nicht einen 36er Film verknipste. Nach einiger Zeit beherrschte ich die Minolta mit all ihrem Zubehör.

Am ersten Mai 1987 zog es mich nach Berlin, besser: Ich wollte es mir nur mal eine Woche lang ansehen. Freunde hatten mir erzählt, dass ich unbedingt nach Kreuzberg fahren müsse, da sei immer viel los, da steppt der Bär. Mit meinem VW-Bus passierte ich den Checkpoint Bravo, kommend vom Transit über Leipzig. Welche graue Fahrt, durch grau wirkende Landschaften mit öden braunen, heruntergekommen wirkenden Häusern und Höfen im Hintergrund. Ich hatte so viel Schlimmes über die Vopos gehört, dass ich mich nicht traute, während der Fahrt durch die DDR auch nur ein einziges Foto zu machen. Am Kontrollpunkt Dreilinden tankte ich meinen Bus voll, kaufte einen Faltplan und erholte mich vom Transit, glücklich wieder auf sicherem Boden zu sein. Von Berlin wusste ich bis dahin nur, dass ich dort Anfang 1964 gezeugt wurde, dass alle Bekloppten und Wehrdienstverweigerer dahin zögen und die Berliner eine freche Schnauze besäßen. Ach ja, und Brötchen heißt Schrippe, und das Gebäck, was wir als Berliner bezeichneten, Pfannkuchen.

Im Bus sah ich mir den Weg nach Kreuzberg an und packte meine Kamera aus. Ich montierte die Motorwinde, da ich so aus dem fahrenden Bus mit einmal Auslösen gleich fünf Bilder schießen können würde und hoffte, dass dann wenigstens eines scharf wird. Abenteuerlustig und mordsmäßig aufgeregt fuhr ich die Avus entlang und bog auf den Kurfürstendamm. Auf Höhe der Nürnberger Straße fand ich einen Parkplatz. Ich baute die Minolta um, nahm das Teleobjektiv und fotografierte die mich übermannenden Eindrücke. Nach keinen zehn Minuten war der erste Film voll. Ich hatte es beim Herumlaufen nicht gemerkt, erst als der Transporthebel sich sträubte. Unter den Yorckbrücken dachte ich, ich sei falsch und wollte wenden, doch schon war ich in Kreuzberg. Nun noch diese O-straße finden. Gerade durch bis zu einem Hermannplatz und dann immer Richtung Norden zum Kottbusser Tor. Am Kreisverkehr waren schon viele Leute, und als ich in die Adalbertstraße bog, wurden es noch mehr. Meine Freunde hatten nicht gelogen: Hier steppte der Bär. Im Schleichtempo rollte ich bis fast zur nächsten Querstraße, dann ging nichts mehr. Kein Vor und kein Zurück. Die Menschen liefen um den Bus herum wie in einem Zombiefilm, und dazu wurde es auch immer dunkler. Schnell montierte ich erneut die Winde an, kurbelte das Fenster herunter und schoss blind in die Menge. Ein Mädel rief ich an und fragte, was hier los sei und ob es hier immer so wild zugehe. „Alter, et is erster Mai, kiek, dass de weg kommst, die Bullen!“ schleuderte sie mir zu und lief mit der Meute los. Das Datum wusste ich selbst, dachte ich noch, da prasselten Wasserstrahlen auf meine Frontscheibe, dass es den Bus regelrecht zurückdrückte. Ich griff die Kamera und hielt einfach drauf, bis der Film voll war. Ein grüner Wasserwerfer preschte zügig nur circa 10 Zentimeter vor meiner Stoßstange vorbei, und innerlich hörte ich schon das Krachen eines Aufpralls. Da war er schon vorbei. Dank des heftigen Wassereinsatzes war hinter mir die Straße recht frei, und ich setzte zurück, um dann in der Ritterstraße zu parken. Ich stieg aus und betrachtete meinen Bus. Rechts oberhalb des vorne montierten Reserverads war eine deutliche Delle zu sehen. Das war das Erste, was ich mit dem neuen Film fotografierte. Wahnsinn, was für eine Kraft diese Wasserstrahlen hatten, und damit gingen die auf die Leute los, unverantwortlich. Zu Fuß machte ich mich jetzt auf Erkundigungstour, ich wusste ja immer noch nicht, was hier los war. In einer Kneipe klärte man mich auf, nachdem man mich erst mal für meine Ahnungslosigkeit richtig ausgelacht hatte. Einige Altanarchos philosophierten über die heißen Schlachten zurück bis Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke. Das Klirren einer zerplatzenden Schaufensterscheibe trieb alle auf die Straße. Der Irrsinn par exellence tat sich auf. Steine flogen, Krieg. Ich knipste dreimal und verkroch mich dann schnell an den Tresen, wartete bis die Party vorbei war.

Schon vier Tage später, ich hatte ein WG-Zimmer direkt in der Oranienstraße gefunden, hielt ich meine Actionfotos in der Hand. Es war erstaunlich, welche Power der Gewalt die Minolta eingefangen hatte. Das Wasserwerferszenario war das Beste. Auf fünfzehn Bildern konnte man deutlich erkennen, wie der Strahl auf die Frontscheibe schlug und in den Reflexionen die Menschen flüchteten. Dabei schob sich der grüne Körper des Wagens wie ein Monster immer mehr ins Bild. Bei den Kneipenbildern sah man, wie einige Polizisten rechts hinten auf einen der Demonstranten gnadenlos einschlugen, während vorne links einige Vermummte gerade 'Berliner Argumente', so nannte man die kleinen Pflastersteine, warfen. Abstoßend und grausam, aber voller Faszination betrachtete ich die Bilder, immer wieder. Die Fotos manifestierten mir erst mein Bewusstsein, dass ich wirklich in dieser radikalen Situation mittendrin gewesen war. Mir war es gar nicht so schlimm vorgekommen, wie es sich auf diesen Dokumenten darstellte.

Neugierig und skeptisch betrachtete ich nun dieses Berlin. Verrückt erschienen mir die vielen kreativ gestalteten Fassaden. Straße für Straße zog ich lang und hatte bald über sechzig dieser Charakter-Häusergesichter abgelichtet.

Ich war bei Freunden zu Besuch im Allgäu und zeigte ihnen meine Bilder, da brachte man mich zu dem Bruder eines Freundes, der wiederum … Egal, ab da finanzierte sich meine Fotografie zum ersten Mal selbst. Ich durfte für ein kleines Wochenblatt 'Berlinbilder' schicken. Das bot ich dann auch anderen kleinen Zeitungen an und bald gab es einen bescheidenen Pool an Interessenten, die ich nun monatlich bestückte. Parallel zu Studium, Kneipenjobs und Bühnenversuchen. Warum sollte ich nicht bleiben? Ich blieb und die Mauer fiel.

Bis zu hundertfünfzig D-Mark für ein einziges Mauerbild, natürlich nur, wenn es veröffentlicht wurde. Wahnsinn. Schnell lernte ich andere Fotografen kennen. Tagelang lungerten wir an der Mauer, ob Brandenburger Tor oder Bernauer Straße, dazu gab es noch Taschengeld dafür, dass wir für die Radio- und Fernsehanstalten nachts auf ihre Plätze mit Equipment aufpassten. Andersrum konnten wir dafür ebenfalls ihre Podeste nutzen, um über die Köpfe hinweg zu fotografieren. Wir waren jung, voller Testosteron, im ständigen Adrenalinhyphe. Wir schliefen fünf Tage nicht. Ein Kreuzberger Fotoladen entwickelte rund um die Uhr für gutes Geld unsere Filme. Auf dem Weg zur Post sortierte ich die schlechten aus und schickte die guten per Express in den Süden. Dann zurück, immer hoffend, dass man nichts Tragisches verpasst habe. Ebenso plötzlich, wie es losgegangen war, war es auf einmal vorbei. Länger hätte man es in dieser Intensität auch nicht durchgehalten. Die Mauer, vor allem der Abriss und dann die Mauerspechte und Künstler waren noch lange gute Nebeneinkünfte, auch wenn die Preise pro Bild heftig sanken.

Mit dem Motorrad fuhr ich im Frühjahr nach Dänemark, etwas leichtsinnig nur mit Schlafsack und kleinem Zelt, da sehr frisch. Es war mit Irland und Ägypten meine tollste Fahrt. Die vielen bunten Häuser, die in die Landschaft gekleckst erschienen und dazu das wunderbare Licht. Morgens war es am intensivsten. Schade, dass ich in Ägypten noch keine Fotoausrüstung besessen hatte. In Irland fotografierte ich vor allem Pubs und Destillerien, da es ein Auftrag war, der für ein neues authentisches irisches Gastrokonzept in München war. Aus München stammte auch der Auftrag, einige private Fincas auf Ibiza zu fotografieren. Ein Prospekt für die Upperclass. Eine tolle Woche, ich durfte in alle Clubs mit VIP-Karte, musste keinen Pfennig für irrsinnig überteuerte Getränke bezahlen, hatte zwölf Restaurants zur Auswahl, in denen ich mich nach Herzenslust verköstigen durfte und schlief in einer der Fincas mit einer älteren lustigen Hausdame und Swimmingpool vorm Schlafgemach.

In Berlin fotografierte ich bald immer weniger, da TU und Jobs immer mehr abforderten. Einmal unternahm ich noch einen sehr witzigen Fototrip. Eine Bekannte und ihre ägyptische Freundin baten mich, doch ein paar Bilder mit ihnen in der Stadt zu machen, damit Jasmin zurück zu Hause zeigen konnte, wie schön Berlin ist. Ich packte meinen Kram, und wir trafen uns in einem Schöneberger Café. Dort legten wir die Route fest, es sollten ja so viele Sehenswürdigkeiten wie nur möglich im Hintergrund stehen. Wir starteten am Ägyptischen Museum, logisch und rüber zum Charlottenburger Schloss. Die eine blond und blauäugig, die andere ebenholzfarben mit tiefen schwarzen Augen und beide sehr geschmackvoll gekleidet, posierten sie mit einem solchen Spaß, dass sich in Kürze eine Ansammlung von Neugierigen um uns herum scharte. Das spornte die Mädels an. An allen Plätzen, an denen wir uns in Position brachten, erlebten wir das Selbe. Es war ein tolles Shooting. Als ich ihnen die Bilder gab, waren sie glücklich, und Jasmin meinte: „Wow, so gut sahen wir da aus, na dann ist es ja kein Wunder, dass die alle so geschaut haben, die dachten wohl, wir seien berühmte Models.“ Danach wurden meine Fotos wieder sachlicher und natürlicher, ab und zu auch tierisch.

Am fünfundzwanzigsten Mai 1995 erlebte ich dann meine persönliche Apokalypse. Der Mieter unter mir hatte sonntags morgens um vier in seiner bekifften Dusseligkeit seine Wohnung und damit das ganze Haus in Brand gesteckt. Nackt konnte ich mich nur noch retten. Das Schlimmste war, dass ich meine kleine Hündin verbrannte. Auf einmal wirst du dir gewahr, dass du nichts mehr, aber auch rein gar nichts mehr besitzt. 600 LPs, alle Gedichte und Geschichten, die ich bis dato verfasst hatte, alle persönlichen Erinnerungen. Dazu gehörten nicht nur die eigenen Fotoarbeiten, sondern auch die, die ich von meinem inzwischen verstorbenen Großvater erhalten hatte. Kein einziges Gerät und schon gar keine Kamera überstand die Feuerbrunst. Tage später, als man die verkohlten Aschereste durchsuchen durfte, fand ich ein stark angesengtes Hochzeitfoto meiner längst geschiedenen Frau und ein fast unversehrtes Babybild unserer Tochter.

Es dauerte Jahre, ich wollte kein Eigentum mehr besitzen, bis ich bei meiner neuen Freundin zum ersten Mal wieder eine Kamera in die Hand nahm. Sie war stolze Besitzerin einer Canon A1, die bis heute gute Dienste leistet. Als wir 2000 unsere Bar ausbauten, legten wir uns eine Polaroid zu und verschossen Unsummen, um immer die aktuellen Bauabschnitte und Entwicklungsstufen festzuhalten. Danach scannte ich diese umständlich ein und vergrub die Exponate in PC-Ordnern.

Mit Aufkommen der Digitalfotografie, schafften wir uns 2002 eine Casio M1 Exilim an. Zeitgleich entwickelten die Smartphone-Hersteller immer bessere Kameras in ihren kompakten Geräten, so dass es Usus wurde, bei jeder Veranstaltung in der Bar einfache Schnappschüsse zu knipsen. Nach dem das Teil dem Bar betrieb nicht standgehalten hatte, folgte eine Nikon Coolpix L27, die, wahrscheinlich für den Notfall, immer noch in greifbarer Nähe seit über ein Jahrzehnt herumliegt. Es wurden Hunderte von schlechten Bildern, die es zum größten Teil zu Recht in den PC-Mülleimer schafften. 2006 gaben wir die Bar auf und widmeten uns meiner Krankheit. Während dieser Phase, war mir nicht nach fotografieren und ich selbst nicht gerade photogen. Nachdem diese Scharmützel des Lebens 2013 überstanden waren, schenkte uns ihr Bruder seine Canon 400D mit einfachem Objektiv.

Wir hatten schon 2009 die Idee gefasst ein Internetportal zu gestalten, das sich ausschließlich mit Kritiken zu Kabarett, Comedy, Chansons und was die Kleinkunst noch so bietet für den deutschsprachigen Raum zu gründen. 2010 ging liveundlustig.de ans Netz. In diesem Moment war es für uns alle rechtes Neuland. Urheberrechte für Bild und Text etc. Bald war es klar, dass wir unsere eigenen Bilder brauchten, oder wenigstens welche von befreundeten Fotografen, die uns auch die Veröffentlichung gestatteten. Eine kleine Unachtsamkeit einer Agentur, die wir seit Jahren gut kannten, löste wegen eines einzigen Bildes eine Prozesslawine aus, in der wir derart hoch verklagt wurden, als gehöre uns der Springerkonzern. Was die unterbelichtete Richterin am Landgericht München auch frei weg so sagte. Gleiches Recht für alle. Es wurde mager und liveundlustig.de stieg zwar immens in seiner Popularität, jedoch ist es dem werten Internetnutzer ein Gräuel für etwas zu zahlen oder zu spenden, was doch frei im Internet steht. Dank einiger weniger Unterstützer kann sich liveundlustig.de einigermaßen, mehr schlecht als recht im user-freundlichen Datendschungel erhalten. Da der technische Qualitätsanspruch für Bilder auf Webseiten und Blogs nicht dem eines zu druckenden Plakats standhalten musste, konnte und durfte ich viele Live-Auftritte mit der Canon und dem 18-55mm Objektiv fotografieren. Ich durfte während der Shows auch rumlaufen, aber niemanden stören und never ever den Blitz benutzen.

Mittlerweile sind es weit über 300 Künstler, die ich bei ihren Veranstaltungen ablichten konnte. Seitdem ich jetzt meine einfache Ausstattung um ein gebrauchtes Tamron AF 28-300mm Objektiv erweitern konnte, gelingen auch gute Bühnenfotos in weniger gut ausgeleuchteter Live-Atmosphäre.

Ich habe keine Fotoausbildung absolviert und möchte mich auch wahrlich nicht als Fotograf bezeichnen, aber ohne Fotografie würde mir etwas fehlen. Das eine oder andere Foto kann sich ja auch sehen lassen.

Viel Spaß Carlo Wanka

 

2016-09-26 Selfi 2 - Foto © Carlo Wanka

impressum | kontakt | © 2017 Carlo Wanka